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Warum die Abwendung vom Home-Office eine Bankrotterklärung an die Zukunft ist

March 28, 2017

Niemand hat gesagt, dass es leicht wird. Das Etablieren neuer Arbeitsformen, wie zum Beispiel die Arbeit im Home-Office, ist schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die jüngst von IBM und 2013 von Yahoo getroffenen Entscheidungen, sie abzuschaffen, sind nachvollziehbar. Dennoch sind sie falsch. Die Herausforderungen des Home-Office dürfen nicht zu ihrer Abschaffung führen, sondern müssen gelöst werden, um als Arbeitgeber attraktiv und als Unternehmen wettbewerbsfähig zu bleiben.

 

Wer zum Vorstellungsgespräch in ein Unternehmen eingeladen wird, kennt die vielleicht zehn Minuten, die man am Empfang auf sein Gespräch wartet. In der Zeit checkt man schon mal ab, wie die Stimmung da so ist. Wer geht vorbei, wie begegnen die Mitarbeiter einander, was haben sie an und wie gestresst wirken sie? Den ersten Plus- (oder Minus-) Punkt kann das Unternehmen hier schon sammeln. Diese Eindrücke subsumiert der Bewerber später unter „Unternehmenskultur“. Zu Hause erzählt er vielleicht, wie nett die Kollegen untereinander waren, ob sie sich geduzt oder gesiezt haben, ob es persönlich wirkte und ob mehr Hoodies- oder mehr Anzugträger dabei waren. Auch das Bild an der Wand wird oft noch erinnert, ob die Geräuschkulisse laut oder leise, der Look clean oder gemütlich, die Flure belebt oder leer waren. Und richtig, genau diese vermeintlich oberflächlichen Beobachtungen sind Teil einer Unternehmenskultur. Sie ist definiert als „Grundgesamtheit gemeinsamer Werte, Normen und Einstellungen, welche die Entscheidungen, die Handlungen und das Verhalten der Organisationsmitglieder prägen“ (Springer Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon). Und sie manifestiert sich „in der Oberflächenstruktur, die durch Dritte beobachtbar ist“.

 

Im Home-Office manifestiert sich keine Kultur

Ganz sicher manifestiert sie sich nicht in den Home-Offices ihrer Mitarbeiter. Zwar könnte man einwenden, dass das Angebot von Home-Offices an sich ebenfalls Teil einer Unternehmenskultur ist, aber als einzelner Aspekt reicht das nicht aus. Anders ausgedrückt: Wer sein Vorstellungsgespräch in einer nahezu leeren Halle oder in einem Café führt, weil der Großteil der Mitarbeiter nicht da ist, wird kein Gespür für die gelebte Kultur der Zusammenarbeit oder für das Betriebsklima entwickeln können. Kultur entsteht auch durch regelmäßigen Austausch, durch Gewohnheiten und (oft unbewusstes) Verhalten. Das Etablieren einer gelebten, sichtbaren Unternehmenskultur ist also schwieriger, wenn wenige Mitarbeiter räumlich gemeinsam arbeiten.

 

Innovation braucht gemeinsamen Raum

Und es gibt noch mehr Herausforderungen bei der Umsetzung von Home-Offices. Auf eine beruft sich IBM bei seiner Entscheidung: Heutige Unternehmen müssen schnell und innovativ arbeiten können, um erfolgreich zu sein. Dafür braucht es Raum und Zeit. Und Interaktion. Zwar gibt es zahlreiche Tools, die die virtuelle Zusammenarbeit erleichtern, von Videokonferenzsystemen wie Skype oder WebEx über Collaboration-Tools wie Slack, Yammer oder Podio bis hin zu online Mindmapping-Tools, wie Coggle oder MindMeister. Aber wer jemals ein Produkt oder ein Projekt entwickelt hat, weiß: Richtig Dampf steigt erst auf, wenn man sich persönlich trifft. Im einsamen Kämmerlein entstehen vielleicht Ideen, aber ein echter Perspektivwechsel (und das gehört zu Kreativität und mithin Innovation dazu) entsteht durch Austausch. Zudem gehört zu Innovation auch das Verfolgen eines gemeinsamen Ziels. Sich auf dieses zu besinnen und es im Fokus zu behalten geht am besten gemeinsam. „Schulter an Schulter“ nennt Michelle Peluso, Chief Marketing Officer von IBM, das. In der Pressemitteilung beruft sie sich zudem auf die Losung aus 2016, man wolle künftig agiler arbeiten, also iterativ, in kleinen Projekten mit kleinen Teams an jeweils einem Ort. Zugegeben, verstreut in der ganzen Welt ist das nicht ohne weiteres umzusetzen.

 

Arbeitszeit-Kontrolle

Doch auch, wenn man von diesen hehren Zielen absieht, bleiben genug Herausforderungen übrig. Über die zu reden ist nicht so sexy, vielleicht hat IBM sie deshalb gar nicht erst erwähnt. Eine davon ist Kontrolle. Solange in Arbeitsverträgen Arbeitszeiten festgelegt sind (und das wird wohl noch eine ganze Weile der Fall sein), müssen die auch irgendwie nachgehalten werden. Nun gibt es natürlich vollkommen ortsungebundene Möglichkeiten, Arbeitszeit zu messen. Aber sie erfordern ein Höchstmaß von Vertrauen. Schon heute ist das in Funktionen wie Kundenservice oder Außendienst ein Dauerbrenner. Die Hemmschwelle, sich über Verabredungen und Zeiterfassungs-Anwendungen hinwegzusetzen ist in der Anonymität des Home-Office oft niedriger. Da dies bezogen auf den einzelnen Mitarbeiter natürlich eine Unterstellung ist, argumentieren Unternehmen damit ungern bis gar nicht, aber eine Rolle spielt es dennoch.

 

Wer zahlt für Arbeitsunfälle?

Noch unpopulärer als die zuletzt genannte Herausforderung ist diese: Die Versicherungsfrage ist nicht geklärt. Wer in Konzernen gearbeitet hat kennt das Thema Arbeitssicherheit. Da kommt von Zeit zu Zeit so jemand von einer Behörde und misst den Abstand von der Schreibtischkante zur Wand, prüft die Bodentanks und Kabel und die Fluchtwege. Oder die Betriebsärzte kündigen sich an und messen, ob die Augen noch gut zurechtkommen mit den Anforderungen der Bildschirmarbeit. Damit kommen die Arbeitgeber ihrer Pflicht nach, für Sicherheit und Gesundheit bei der Ausübung der beruflichen Pflichten zu sorgen. Nur, wenn sie dies nachweislich tun, zahlt die Berufsgenossenschaft im Falle von Arbeitsunfällen oder Krankheiten, die durch die Tätigkeit verursacht werden. Und im Home-Office? Wer zahlt, wenn der Marketing Manager über sein PC-Kabel stolpert und sich dabei den Kopf an der Heizung aufschlägt? Wer kommt für die gesundheitlichen Folgen der täglichen Bildschirmarbeit auf? Wie kann nachgewiesen werden, dass all dies in Ausübung der Tätigkeit und nicht beim Computerspielen mit den Kindern entstanden ist? Solche und ähnliche Fragen müssen im Vorhinein geklärt werden, was bisweilen mühevoll ist.

 

Die Mischung macht’s

Die Herausforderungen für das Etablieren von Home-Offices sind also groß. Wer daraus jedoch die Konsequenz zieht, sie abzuschaffen, begeht einen Fehler. Denn erstens ist unternehmerischer Fortschritt auch auf Home-Offices angewiesen und zweitens sind die Herausforderungen lösbar. Viele Arbeitnehmer zum Beispiel wünschen sich Mischformen zwischen Home-Office und festem Arbeitsplatz im Unternehmen. Es ist eine einfache Rechenaufgabe, was teurer ist: Das Vorhalten eines 24/7-Büros oder das Bereitstellen eines Teilzeitbüros plus Reisekosten aus dem Home-Office. Mit einer Mischform kann auch der Herausforderung bezüglich der Firmenkultur begegnet werden. Mehrere Arbeitnehmer können sich beispielsweise, wenn sie zusätzlich im Home-Office arbeiten, ihren Firmenarbeitsplatz teilen. Für fünf Arbeitnehmer könnten drei oder vier Schreibtische zur Verfügung stehen. So kann sichergestellt werden, dass stets ausreichend Arbeitskräfte vor Ort arbeiten und eben nur ein Teil außer Haus. Klar, der Abstimmungsbedarf ist etwas höher, aber machbar. Und was ist mit IBM’s Sorge, Innovation könne nur in gemeinsamen Büros entstehen? Ja, warum denn nicht? Wer sich in wöchentlichen oder zweiwöchentlichen Abständen trifft und ansonsten virtuell zusammen arbeitet kann hervorragend alle Prinzipien agiler Projektsteuerung und Innovation bedienen. Und das Thema Arbeitszeitkontrolle? Das ist so eine Sache. Es setzt nämlich eines voraus: Vertrauen. Vertrauen entsteht aber eben nicht durch Kontrolle. Schwarze Schafe wird es geben. Die Unternehmen müssen sich entscheiden: Nehmen sie das in Kauf, oder lassen sie die schwarzen Schafe ihre Werte und Normen gestalten? Der Versicherungsschutz ist in einigen Teilen übrigens inzwischen geklärt. So gelten Unfälle, die im Home-Office auf dem Weg zur Küche passieren, nicht als Arbeitsunfälle, so hat es das Bundessozialgericht im Juli 2016 entschieden. Für den Nachweis einer so genannten Berufskrankheit wird es schwieriger. Das ist es allerdings im Firmenbüro auch. Hier ist eine sorgfältige Dokumentation ebenso notwendig wie das Aufstellen von Regeln, unter denen ein Home-Office vom Arbeitgeber als solches anerkannt werden kann.

 

Flexibilität auf beiden Seiten

Die Folgen, die durch das komplette Negieren von Home-Office-Arbeitsplätzen entstehen, sind ungleich schwerwiegender als der zusätzliche Aufwand bei der Einrichtung derselben. Die Möglichkeit, im Home-Office arbeiten zu können, rankt in Umfragen immer wieder als Zufriedenheitsfaktor weit oben (aktuell zum Beispiel laut einer Umfrage von Careerbuilder). Die Chance auf ein Home-Office wird dabei als Flexibilisierung der Arbeit wahrgenommen (Eine aktuelle Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Rüttgers dazu findet sich hier). Hier sollten Unternehmen hellhörig werden. Denn Flexibilität ist genau das, was Arbeitgeber auch zunehmend von ihren Arbeitnehmern erwarten. Funktionen werden zunehmend komplex, und Aufgaben unberechenbar, Planungshorizonte verkürzen sich. Gleichzeitig ist die Erreichbarkeit der Arbeitnehmer derzeit nahezu unbegrenzt. Als Folge davon müssen viele Arbeitnehmer zusätzlich zu ihrer Anwesenheit im Büro kurzfristig zur Verfügung stehen, wenn es brennt („Sorry, ich weiß, bei Euch ist Feiertag, wo erwische ich Dich denn gerade?“), die Konzernmutter in einer anderen Zeitzone sitzt („Kannst dafür morgen bisschen später reinkommen.“) oder es einfach schnell gehen muss („Kannst Du nur mal kurz draufschauen? Muss morgen früh raus.“). Flexibilität muss ein Geben und Nehmen sein. Hinter flexibleren Angeboten seitens der Arbeitgeber verbirgt sich somit sich kein ideologisches Wohlfühl-Paket, sondern ein wirtschaftliches Erfordernis. Wer gute, motivierte Mitarbeiter gewinnen und halten will, sollte ihnen mindestens die Flexibilität zugestehen, die er von ihnen verlangt.

 

Familie wird wichtiger

Zudem verändert sich die Lebenswirklichkeit von Arbeitnehmern seit einigen Jahren. So erfordern das Großziehen von Kindern ebenso wie die Pflege älterer Angehöriger weit mehr Flexibilität, als in den vergangenen Dekaden mehrheitlich notwendig war. Schon 2014 ermittelte die embrace-Studie unter der Leitung von Gero Hesse (saatkorn), dass 54 Prozent der Nachwuchstalente spätestens nach drei Berufsjahren Kinder haben wollen. Sie wollen also zu Karrierebeginn Kinder, um dann Karriere machen zu können. In Anbetracht der demografischen Entwicklung haben diese jungen Fachkräfte viel mehr Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitswelt, als alle Generationen zuvor. Zwar ist das Home-Office kein Allheilmittel, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu bewerkstelligen, aber sie kann diesen Spagat unterstützen. Arbeitswege fallen weg und die Arbeitszeit kann wesentlich flexibler eingesetzt werden.

 

Es geht nicht alles für alle

Dass das Home-Office nicht für jede Stelle und jeden Mitarbeiter gleich gut funktioniert, ist klar. Es hilft nichts, Unternehmen müssen das entweder im Einzelfall prüfen oder Kriterien entwickeln, nach denen diese Entscheidung gefällt werden kann. Außerdem ist einiges zu erledigen: Es müssen Absprachen getroffen werden über Art und Umfang der Home-Office-Arbeit, Arbeitssicherheitsmaßnahmen müssen auch in Heimarbeitsplätzen sichergestellt werden, die IT-Abteilungen müssen für größtmögliche Datensicherheit sorgen und insgesamt muss ein hohes Vertrauen zwischen Unternehmensleitung und Mitarbeitern hergestellt und gepflegt werden – keine triviale Aufgabe. Aber um auch künftig den Anforderungen des Arbeitsmarktes zu entsprechen, eine notwendige.

 

Es ist wenig verwunderlich, dass die betroffenen Mitarbeiter von IBM mit Entsetzen auf die Abschaffung ihrer Home-Office-Arbeitsplätze reagieren. Als „Massaker“ wird dieser Schritt bezeichnet, nicht wenige scheinen ihn als Maßnahme zu interpretieren, mit der man nonchalant Mitarbeiter loswerden möchte, um Personalkosten zu sparen. Andere haben sich bereits aus langfristigen Projekten zurückgezogen, da sie nicht sicher sind, ob sie dann überhaupt noch an Bord sind. So ist es im News-Portal Quartz zu lesen, das über die IBM-Maßnahmen berichtet.

 

Übrigens: Die Sorge, dass plötzlich alle Mitarbeiter nur noch zu Hause arbeiten wollen, wenn man sie lässt, scheint unbegründet. Zwar wünschen Arbeitnehmer sich mehrheitlich die Möglichkeit, zumindest partiell von zu Hause aus zu arbeiten – aber wenn es ihnen angeboten wird, nutzen es nur rund 40 Prozent. Sollten das die produktivsten 40 Prozent des Unternehmens sein, wäre es ärgerlich, sie zu verlieren. Drücken wir IBM die Daumen.

 

Bildquelle Header: Alexander Kirch / Shutterstock

Bildquelle Fließtext: privat

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