Frauen und Vereinbarkeit: Kein 5-Punkte-Plan

March 29, 2017

Sich die natürliche Begrenzung der eigenen Ressourcen einzugestehen: Vielen Frauen fällt das auch 2017 noch schwer. Ohne es bewusst zu entscheiden versuchen sie, ein braves Mädchen zu sein. Das Muster zu durchbrechen erfordert Mut.

 

Für die Zirkusprojektwoche müssen 9 Euro an die Klassenlehrerin überwiesen werden. Moment, da waren auch noch 30 Euro zu überweisen, auf dem Zettel in der Elternmappe stand die Kontonummer. Wo ist der nochmal? Oder war es eine E-Mail? Für die Bastelarbeiten in der 1c gern Bastelmaterial mitbringen. Das ältere Kind hat Forschendes Lernen. Es werden Knöpfe, Holzzuschnitte und leere Klorollen benötigt und noch irgendwas, jedenfalls leere Klorollen nicht wegschmeißen! Wer nimmt die Kinder morgen mit zum Fußball? Mal kurz die WhatsApp-Gruppe befragen und 6 Antworten zum Thema kriegen. Klavier muss verlegt werden wegen des Kindergeburtstags nächste Woche Dienstag. Geschenk! Für Samstag in den Kalender eintragen: „Geschenk Helene besorgen“. Die Zirkusschläppchen vom Jüngeren sind zu klein. Das Toast der Älteren war gestern verschimmelt. Plötzlich sind die Mülltüten alle, jemand muss einkaufen. Der Sohn muss zum Friseur, sonst muss er beim Sport einen Zopf tragen, das will er auf keinen Fall. Für die Klassenkasse 3a nochmal 20 Euro nachschießen, E-Mail von der Mutter mit der Kontoverbindung raussuchen. Läuse in der Klasse, wo ist der Läusekamm? Die Regenjacke der Älteren passt nicht mehr. Wohin bloß mit den ganzen Kinder-Skiklamotten der letzten 3 Jahre? Der Jüngere möchte auch Gurke mit zur Schule, in einem langen Stück, wie Levi. „Gurke“ auf den Einkaufszettel schreiben. Der Knöchel der Tochter tut plötzlich weh. Salbe raussuchen, im Hinterkopf behalten, wird es schlimmer oder geht es weg? Wann ist der Vokabeltest? Und wo das Vokabelheft? Vergessen, egal, ein Foto von der Seite von der Klassenkameradin schicken lassen tut es auch. Dem Jüngeren Kioskgeld mitgeben.

 

Der Atem rasselt, das kann Lungenentzündung sein

Die Liste ist natürlich nichts Besonderes, jeder, der Kinder hat, kennt die. Es ist die normale Aufzählung der Bälle, die Eltern in der Luft halten. Pro Tag. In diesem Fall sind es zwei Grundschulkinder, manch einer hat jüngere, dann sind mehr Kita- und Windelelemente enthalten und körperliche Themen, andere haben Teenies, dann ist mehr mit Elektronik, Mode und Mathearbeiten dabei und auch wieder körperliche Themen („Dusch doch mal wieder!“). Bei einem Kind ist die Summe der Dinge etwas geringer, bei drei Kindern höher. In dieser Aufzählung sind keine besonderen Ereignisse oder Krisen enthalten, also kein Geburtstag eines eigenen Kindes, kein Weihnachten, kein Liebeskummer, keine Krankheit, keine Verletzung, kein böser Streit, kein eingewachsener Zehennagel, kein verschwundener Fahrradhelm, kein Durchfall im Elternbett, kein Fasching, keine verlorene Busfahrkarte, keine Pubertät, keine Schultränen, keine Kleinkind-Handfußmund-Dings, kein rasselndes Atmen („Damit sollten Sie zum Arzt gehen, das kann eine verschleppte Lungenentzündung sein!“), keine nächtelange Schnullerentwöhnung (Sie wissen sicherlich, wie schädlich zu langes Schnullern für die Zähne ist?), keine irgendwie geartete Kind-Abweichung von der Norm, die man mal im Blick behalten sollte.

 

Du bist die beste Irre

Das ist kein Jammertext, übrigens und es wird auch keiner. Alles, was hier aufgezählt wird, verdampft ja sofort, wenn Kinderaugen einen anschauen und eine Piepsstimme „Ich hab Dich lieb, Mami“, sagt. Oder „Mama, ich finde toll, dass Du mit mir so redest und mir sagst, dass jeder Mensch ein bisschen irre ist. Aber Du bis die beste Irre!“ Oder wenn ein warmer Kinderkörper neben einem langsam in den Schlaf findet. Oder wenn die Augen plötzlich strahlen, weil ein Kind irgendetwas ganz allein geschafft hat. Oder endlich alle 4 Stufen auf einmal runtergesprungen ist. Wenn es unverhofft, eigentlich schon ein bisschen zu alt, doch noch einmal nach der elterlichen Hand greift, oder das erste Mal allein in den Bus steigt und sich ganz selbstverständlich zurechtfindet. Wenn es vor sich hin singt oder sich so schlapplacht, dass alles an ihm lacht, das ganze Gesicht und der Rest auch und das, obwohl irgendwas kein bisschen erwachsenen-witzig war. Wenn es in der Schulturnhalle vorsingt und sich hinterher verbeugt, wenn es von einem auf den anderen Tag sprechen, lesen oder stricken kann, wenn es nach dem Fußballspiel verschwitzt und stolz erzählt, dass die Mannschaft dieses Mal nur eins zu drei verloren hat. Wenn man eben spürt, dass die Aufzucht der Brut unterm Strich doch zu gelingen scheint und man liebt und geliebt wird.

 

 

Begrenzte Ressourcen

Es ist extra alles so kleinteilig aufgezählt und jeder weiß, was alles noch fehlt. Hält man sich vor Augen, dass all diese Dinge jeden einzelnen Tag geschehen, wird deutlich: Sie kosten Zeit, Konzentration, Organisation und Energie. Egal, wie viel man zurückkriegt, wie dankbar man ist und wie klar, dass das alles trotzdem richtig und schön ist - an der physikalischen Tatsache, dass Kinder begrenzte Ressourcen verbrauchen, ändert das nichts. Und nach all den Jahren, in denen über Gleichberechtigung gesprochen wird, in denen Vereinbarkeit auf der Agenda der Politiker immerhin einen Platz bekommen hat, in denen Kitaplätze und Nachmittagsbetreuung geschaffen und qualitativ verbessert wurde, in denen Männer Zeit und Verantwortung für Kinder aktiv eingefordert haben, in denen Firmen Kindergärten geschaffen, Teilzeit eingeführt und Elternzeit möglich gemacht haben, hat sich eines kaum verändert: Frauen glauben, dass sie alle Aufgaben uneingeschränkt erledigen müssen und können. Neben ihrer Arbeit, neben ihrer Beziehung, neben ihrer Selbstoptimierung (Yoga-App), neben der Bewältigung ihrer Vergangenheit und Planung ihrer Zukunft, neben dem Haushalt („Nur ne Kleinigkeit vorbereitet...“) und neben sich selbst (mal wieder ins Theater, das Buch weiterlesen, den Pulli stricken, Kerstin treffen).

 

Kein 5-Punkte-Plan

Das geht nicht. Es ist nicht zu schaffen. Eigentlich ist es vollkommen klar. Und damit ist dieser Text auch schon fast zu Ende. Es gibt keine allgemeingültige Lösung, keinen 5-Punkte-Plan „So schaffen Sie Vereinbarkeit mühelos“. Es gibt aber Möglichkeiten, sogar mehrere. Arbeitszeit reduzieren, den Mann mehr in die Verantwortung nehmen, obwohl es ihn nervt, Fertigkuchen anbieten, ein Geburtstagsgeschenk vergessen und schnell einen Kinogutschein basteln, in eine kleinere Wohnung ziehen, dick werden und es nicht schlimm finden, bei der Arbeit fehlen, nur, weil man sehr müde ist, dem Kind einen mittelmäßig geliebten Babysitter oder Erzieher zumuten, jemanden nicht zurückrufen, eine Kur machen, jeden Morgen Ingwerwasser trinken, eine Vorsorgeuntersuchung auslassen, damit ein Jobprojekt fertig wird, ein Jobprojekt nicht fertig kriegen, weil eine Vorsorgeuntersuchung ansteht. Voraussetzung für diese und weitere Möglichkeiten ist allerdings, es sich einzugestehen: Alles zu schaffen geht nicht. Für uns brave Mädchen ist das unsagbar schwer, immernoch, 2017. Und es gibt nichts und niemanden, der uns das abnimmt, keine Politik, kein Arbeitgeber, kein Mann, keine Freundin. Es gibt Lösungen und muss noch mehr geben, aber nur für die, die sich ihre natürliche Begrenzung eingestehen. Nur Mut! 

 

 

Bildquelle Header: MarcinK3333 / Shutterstock

Bild Fließtext:

 

privat

Please reload

Featured Posts

Was ist eigentlich Augenhöhe?

February 4, 2018

1/10
Please reload

Recent Posts
Please reload

Search By Tags
Follow Us
  • Facebook Classic
  • Twitter Classic
  • Google Classic

© 2014 by LaRenzow       IMPRESSUM    AGB

  • facebook
  • Twitter Round
  • googleplus