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Tipps für Bewerbungsgespräche: Vergessen Sie‘s

May 2, 2017

Ein Bewerbungsgespräch kann ja praktisch gar nicht mehr schiefgehen, so viele Tipps gibt es. Was Chefs und Personaler wollen, steht in solchen Ratgebern und wie man es schafft, dem zu entsprechen. Meist bewirken sie allerdings das Gegenteil, die Bewerber werden unsicher, die Personaler sind genervt. Das wichtigste Gebot vor einem Bewerbungsgespräch ist daher: Vergessen Sie alle Tipps, die Sie je gehört oder gelesen haben.

 

Dennis war hervorragend vorbereitet. Die Unterlagen: tipptopp, natürlich fehlerfrei, übersichtlich und nach neuesten, am amerikanischen Arbeitsmarkt orientierten Gepflogenheiten zusammengestellt. Das Foto hatte 300 Euro gekostet, die Varianten wurden vorab 17 Freunden gezeigt und das beste ausgewählt. Er hatte einen „Elevator Pitch“ einstudiert, das heißt, er konnte in wenigen Sätzen seine Fähigkeiten aufsagen, Schwächen hatte er sich auch zurechtgelegt (Perfektionismus oder Ungeduld, das wollte er spontan entscheiden). Seine Freundin erinnerte ihn noch daran, bloß nicht die Arme zu verschränken. „Das lässt Dich so verschlossen wirken. Leg sie lieber auf die Beine. Wirkt offen und interessiert!“

 

Und so saß Dennis nun da, die Handflächen lagen auf den Knien, irgendwie störten die da, aber was half es? Er war aufgeregt. Seltsam eigentlich, das Jobangebot klang nur mäßig interessant und Zeitdruck hatte er auch noch nicht. Auch diesbezüglich hatte er den Ratgeber-Tipp verfolgt und sich erst einmal bei den weniger interessanten Jobs beworben, zum Üben und Reinkommen in die Bewerbungssituation. Die besten wollte er sich für den Schluss aufheben, wenn er Bewerbungsgespräch-Profi geworden war. Schon nach zehn Minuten war Dennis noch nervöser, als zu Beginn. Der Hauptabteilungsleiter war irgendwie undurchsichtig, Dennis konnte nicht herausfinden, was der von ihm eigentlich hören wollte. Er war froh, dass er gut vorbereitet war und meisterte das Gespräch trotzdem ganz gut. Wie sich herausstellte, war der Job doch interessanter, als zunächst angenommen. Als Schwäche entschied er sich schließlich für Perfektionismus. Dass er die ganze Zeit über mit seinen Beinen wackelte, hatte er gar nicht bemerkt. Seine Gesprächspartner schon, es machte sie wahnsinnig. Den Job bekam er nicht.

 

Sitzhaltung: Entspannt schlägt „offen“

Dennis ist ein typisches Beispiel für die Wirkung von Bewerbungsratgebern. Sie werden hauptsächlich von denen gelesen, die sich ohnehin sorgfältig und bewusst auf Situationen vorbereiten. Gerade für die ist das aber schädlich. Der Grund: Der Druck steigt und sie verlieren sich selbst. Und das strahlen sie, meist unbewusst, aus. Je einstudierter zum Beispiel die offene Sitzhaltung, desto unsicherer und damit verschlossener werden sie (daher das Beinewackeln, andere kriegen Schweißausbrüche oder rote Flecken oder stottern, und zwar unabhängig vom Grad der Position, auf die sie sich bewerben). Dabei weiß jeder Einstellende, dass ein Bewerbungsgespräch eine besondere Situation ist und würde den Bewerbern durchaus zugestehen, auch einmal die Arme zu verschränken. Selbst Interviewer machen das, wenn sie zwischendurch etwas unsicher werden. Wichtig ist vielmehr, eine Sitzhaltung einzunehmen, die einigermaßen entspannt ist und zur Person und Situation passt. Wer eher verschlossen ist, darf auch mal so sitzen. Und wer sehr selbstbewusst ist, darf auch das zeigen. Kein auch nur halbwegs aufgeklärter Bewerber lümmelt sich unflätig auf dem Stuhl herum oder macht sonst irgendwelche unpassenden Turnübungen, daher ist die Devise bezüglich optimaler Sitzhaltung der Fanta-Werbeslogan der Neunziger: „Bleib Dudu.“

 

Was der hören will? Man weiß es nicht

Und ein weiteres Missverständnis führte zu Dennis‘ verkrampftem Auftritt: Die Frage, „was der Gesprächspartner wohl hören will“. Die Antwort darauf ist immer: Man weiß es nicht. Oft weiß das nicht einmal der Auswählende selbst. Und selbst wenn: Er wird es kaum zu Beginn verraten, er möchte den Bewerber ja erst einmal kennenlernen. Außerdem variiert das bisweilen schon innerhalb einer Bewerbungsrunde. Meist finden Gespräche ja mit mindestens zwei Gesprächspartnern statt. In der Nachbesprechung gehen die Dialoge dann so: „Ich fand den super. Der weiß, was er will und setzt das auch um. Immer Bestnoten, sehr gute Uni, top Arbeitszeugnisse. Mit so jemandem kannst Du eigentlich nichts falsch machen.“ „Schlimm war der, so ein Pinsel. Was nützen mir denn Noten, wenn er einem nicht mal in die Augen gucken kann? Und sein künftiger Chef hat gar nicht studiert, da ist der Stress doch vorprogrammiert.“ Keine Vorbereitung dieser Welt hilft dem Bewerber, in so einer Situation „das Richtige“ von sich zu präsentieren. Da hilft es nur, das zu erzählen, was man selbst für relevant erachtet. Und dabei auf die Fragen der Gesprächspartner einzugehen. Wenn es passt, prima! Wenn nicht: Gut, dass das geklärt ist und nicht erst während der Probezeit.

 

Ein unpassender Job verschärft das Problem

Dieser Aspekt führt zum größten Missverständnis zeitgemäßer Bewerbungsgespräche: So groß die Not auch sein mag (Oft ist sie es gar nicht und ein Kandidat fühlt sich allein auf Grund des Settings in der Defensive): Ein unpassender Job nützt niemandem. Im Gegenteil, häufig ver

 

schärft er das Problem noch, da ein weiterer Misserfolg droht oder ein Job, der auf Dauer krank macht. Ein Bewerbungsgespräch ist ein Dialog, bei dem ein Unternehmensvertreter herausfinden möchte, ob ein Kandidat zu den Anforderungen passt und ein Kandidat, ob der Job zu ihm passt. Nur dann wird er die Erwartungen, die an die Rolle gestellt werden, dauerhaft erfüllen können. Das ist keine Floskel, sondern die Grundidee eines Bewerbungsgesprächs. Ein gutes Bewerbungsgespräch ist also eines, in dem genau diese Fragen geklärt werden können. Und nicht eines, bei dem der Bewerber unter allen Umständen ausgewählt wird.

 

Daher ist der wertvollste Tipp, den man Bewerbern vor einem Bewerbungsgespräch geben kann: Vergessen Sie, was Sie bisher darüber gehört und gelesen haben. Was wirklich hilft, ist ein ehrliches Interesse an der ausgeschriebenen Position, Offenheit und falls sich der Job tatsächlich als interessant herausstellt: Eine Rückmeldung darüber. „Ich hätte große Lust, diese Aufgabe zu übernehmen!“ Bei gleicher fachlicher Eignung wird sich der Auswählende für den entscheiden, der diesen Satz gesagt hat. Auch, wenn der zwischendurch einmal seine Arme verschränkt hatte.

 

 

Bildquelle: Africa Studio / Shutterstock

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